Erscheinungsjahr:
2008
972 Seiten - gebundene Ausgabe
ISBN:
9783518420201
Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der "süßen Krankheit Gestern" der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze - oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der "roten Aristokratie" im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk "Ostrom", wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
In epischer Sprache, in eingehend-liebevollen wie dramatischen Szenen entwirft Uwe Tellkamp ein monumentales Panorama der untergehenden DDR, in der Angehörige dreier Generationen teils gestaltend, teils ohnmächtig auf den Mahlstrom der Revolution von 1989 zutreiben, der den Turm mit sich reißen wird.
| Juliakk105 | |
| 1982 – die letzten Jahre der DDR brechen an. Im eleganten Bildungsbürgertum in Dresden amüsiert man sich über den Niedergang des DDR-Systems und ist zugleich verunsichert: Ostalgie oder Ausreise? Soll man in Dresden weiter leben wie gehabt oder sein Glück im Westen versuchen? Die Mitglieder der Familie Hoffmann stehen alle an unterschiedlichen Scheidewegen im Leben. Der Sohn Christan will eigentlich Medizin studieren, gerät dann aber in die Fänger der NVA. Der Schwager Meno Rohde kämpft als Lektor eines kleinen Verlags tagtäglich gegen die Zensur. Mit dem Mauerfall ändert sich alles, die Geschichte der DDR endet. „Der Turm“ von Uwe Tellkamp zeigt, wie sie begonnen hat. weiter | |
| Holli | |
| Wie die Anderen lebten. Die DDR in den Achtzigern. In Dresden schafft sich „die Intelligenz“ Nischen um den etwas grauen Alltag bunter zu gestalten. Im Prinzip lässt es sich gut leben, wären da nicht die staatlichen Ungerechtigkeiten welche das Leben schwer machen und Auswanderungsphantasien fördern. Die Familie deren Geschichte beleuchtet wird, muss ihren Sohn zur Armee schicken. Als es im Herbst ’89 zur friedlichen Revolution in Dresden kommt, soll dieser den Staat gegen seine Familie verteidigen. weiter | |
| amaliah | |
| Im Vordergrund des Geschehens steht das Bürgertum in den letzten Jahren der DDR, das eigentlich nicht gewollt war. Literatur oder Museenbesuche zeichneten das Bürgertum der DDR aus, das immer auf der Suche nach Kultur war. Das Stadtviertel "Weißer Hirsch" - eine Villengegend in Dresden, verbarrikadiert sich und beobachtet den Zerfall des Sozialismus. Über eine gespaltene Gesellschaft, die die Veränderungen von 1989 miterlebte. weiter | |
| fabianthomas | |
| Ein im wahrsten Sinne des Wortes großer Roman. Worin auch die Crux liegt: dass Tellkamps Turm so "groß" ist, geschieht unter der Billigung zahlreicher Längen und Exkurse, auf höchstem sprachlichen Niveau zwar, die den Leser einige Geduld kosten. Uwe Tellkamp bannt seine unselige Vergangenheit in ein Buch, das wie wohl kaum ein zweites die späte DDR wiederauferstehen lässt. Und genauso zweifelsfrei ist die vollkommene Ablehnung dieses Spitzel- und Bürokratenstaates, die Tellkamp überdeutlich macht. Seine Figuren leben in einer aristokratischen Gegenwelt des reichen Teils von Dresden, pflegen manch Spleen, manch Bildungsdünkel und kommen immer weniger mit der real existierenden und unerträglicher werdenden DDR zurecht. Während die Eltern - natürlich ist der Turm nicht nur einfach episch lang, sondern Familienepos in bester Buddenbrooks-Tradtion - die Realitätsflucht mal mehr, mal weniger gut bewältigen, ist vor allem die Geschichte Christians, des Sohnes aus gutem Hause, der zu 5 Jahren NVA verdonnert wird, voll von den Widersprüchen und unüberbrückbaren Gegensätzen seiner Gesellschaft. Der hochempfindsame intellektuelle Sproß der Hoffmannschen Turm-Familie verheddert sich in trotziger Systemkritik, die seine Lager schlimmer und schlimmer macht. An manchen Stellen möchte man ihn wachrütteln, aufmuntern, sich stärker zur Wehr zu setzen, so entfremdet gibt sich Christian gegenüber den Umständen. Sein großes Vorbild, der noch durchgeistigtere Meno, Lektor im Hermes-Verlag und Genießer klassischer Musik konstatiert sein Erleben in seitenlangen, kunstvoll ausgeschmückten Tagebucheinträgen - die Stadt Dresden, Geschichte, Vergangenheit, Zukunft, vor allem die schier endlos langsam verrinnende Zeit werden mit immer neuen Metaphern, die Tellkamp nicht müde wird aus dem Hut zu zaubern, ins Bild gesetzt. Schwach wird es am Schluss: nach einer Panzerfahrt Christians durch die Elbe, die beste Armee-Anekdotenhaftigkeit besitzt ergeht sich Tellkamp in der unweigerlich auf den 9. November hintreibenden Handlung in übelsten Krankheitsmetaphern, mit denen er der darniederlegenden DDR zu begegnen versucht. Da scheint natürlich der Arzt hinter dem Erzähler durch, doch wenn sich Flüchtlingsströme "erbrechen", eine Menschenmenge ein "infektiöser Holzsplitter" wird und sich die Revolution wie eine "Ansteckung" den Weg durch den "kranken" Staatskörper" bahnt, wird es zu bunt, schlimmer noch, Erinnerungen an eine ganz falsche Ausdrucksweise der eher unrühmlichen Blut-und-Boden-Verirrungen deutscher Literaturgeshichte drängen sich auf. Ein "großes" Buch - vielleicht scheint es sich seiner Größe zu sehr gewisse zu sein und wächst sich aus, bis auch der Erzähler an seine natürlichen Grenzen stößt. Trotzdem ein wichtiges Buch: Tellkamp scheint ein schier unendliches Gedächtnisrepertoire zu haben und schafft es, Stimmungen und atmosphärische Details bis ins kleinste zu konservieren. Der Turm wird überdauern - ob jeder Leser ihn zu bezwingen vermag, sei dahingestellt. weiter | |
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